Die Bundeswehr plant offenbar, noch in diesem Jahr einen Großauftrag über 229 Radhaubitzen des Typs RCH 155 zu platzieren. Nach Informationen gut informierter Kreise, sollen sowohl der Haushalts- als auch der Verteidigungsausschuss des Bundestages in der kommenden Woche über eine entsprechende 25-Millionen-Vorlage beraten und Mittel in Höhe von rund 3,4 Milliarden Euro freigeben. Die Auslieferung der Seriensysteme an die Truppe wird demnach für den Zeitraum zwischen 2028 und 2032 erwartet.
Aus Kreisen heißt es weiter, dass sich auch Großbritannien mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag an den Entwicklungskosten beteiligen will. Anders als Deutschland werde London jedoch nicht sofort in die Beschaffung einsteigen. Beide Länder hatten im Mai des vergangenen Jahres eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit bei der RCH 155 unterzeichnet.
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Die Radhaubitze RCH 155
Die RCH 155 basiert auf der Boxer-8×8-Plattform und ist eine Radhaubitze mit dem von KNDS Deutschland entwickelten Artillery Gun Module (AGM). Dieses vollautomatisierte Turmsystem ist bereits in Serie und nutzt die aus der Panzerhaubitze 2000 bekannte 155 mm/L52-Waffenanlage von Rheinmetall. Bisher soll das System von der Ukraine (54 Einheiten) und Katar (12 Einheiten) bestellt worden sein.
Das AGM ist in der Radhaubitzenkonfiguration darauf ausgelegt, im gesamten Wirk- und Richtbereich auch mit der höchsten Ladung uneingeschränkt feuern zu können. Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit, während der Fahrt zu schießen – eine bislang weltweit einzigartige Eigenschaft. Grundlage dafür ist ein Stabilisierungskonzept, wie es aus Kampf- und Schützenpanzern bekannt ist: Ein Rechner ermittelt kontinuierlich die Fahrzeug- und Rohrlage, korrigiert Abweichungen automatisch und gibt den Schuss nur dann frei, wenn die Waffe exakt auf das Ziel ausgerichtet ist.
Die Besatzung muss sicherstellen, dass im Nahbereich keine Hindernisse die Flugbahn beeinträchtigen könnten. Unterstützung erhält sie dabei beispielsweise – wie bei der ukrainischen Version – durch das 360-Grad-Rundumsichtsystem Setas von Hensoldt, das eine effektive Beobachtung des Umfelds ermöglicht. Hindernisse, Gefahren oder Bedrohungen können so schneller erkannt werden. Das System entlastet die Besatzung und erhöht deren Überlebensfähigkeit im Gefecht. Ob die für die Bundeswehr vorgesehenen RCH 155 ebenfalls mit Setas ausgerüstet werden, ist derzeit offen.
Das Artillery Gun Module erreicht eine Feuergeschwindigkeit von über acht Schuss pro Minute. Es verfügt über ein vollautomatisches Ladesystem für Geschosse und modulare Treibladungen. Die Zünder werden während des Ladevorgangs induktiv programmiert, die Waffe elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung umfasst bis zu 30 bezündete Geschosse und 144 modulare Treibladungen – rund 50 Prozent mehr als bei typischen, LKW-basierten Artilleriesystemen. Die Feuerleitung erfolgt über einen integrierten Feuerleitrechner mit Ballistikmodul und Datenfunk-Anbindung an ein Artillerieführungssystem. Die Navigation ist hochpräzise, wahlweise mit oder ohne GPS-Unterstützung. Der Turm lässt sich ohne Abstützung vollständig um 360 Grad drehen, die Rohrerhöhung reicht von −2,5 bis +65 Grad, wodurch sowohl weite wie auch sehr nahe Ziele bekämpft werden können.
AGM-Systeme, die mit einer Waffenstation ausgestattet sind, verfügen zudem über eine sogenannte Hunter-Killer-Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Dadurch kann die Besatzung erkannte Bedrohungen parallel bekämpfen: Während das Fahrzeug automatisch ein zuvor identifiziertes Ziel angreift, kann der Kommandant bereits weitere Gegner erfassen und deren Bekämpfung einleiten.
Bilder: knds.com
