Die Modernisierung der deutschen Artillerie nimmt im Frühjahr 2026 entscheidende Züge an. Nachdem der Haushaltsausschuss des Bundestages Ende 2025 den Weg für das milliardenschwere Vorhaben freigemacht hat, rückt die Einführung eines Waffensystems näher, das weltweit als einzigartig gilt: die Remote Controlled Howitzer (RCH) 155.
Ein Rahmenvertrag für die europäische Sicherheit
Grundlage für die umfassende Neuausrichtung der Rohrartillerie ist ein Rahmenvertrag zwischen dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und dem Anbieterkonsortium ARTEC (ein Joint Venture von KNDS Deutschland und Rheinmetall). Dieser Vertrag umfasst insgesamt bis zu 500 Systeme, die nicht nur von Deutschland, sondern auch von Partnernationen wie Großbritannien abgerufen werden können.
Für die Bundeswehr wurde im ersten Schritt ein Festauftrag über 84 Exemplare im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro erteilt. Dieser Auftrag deckt neben den Fahrzeugen selbst auch Ausbildungsmittel, Serviceleistungen und den logistischen Support ab. Perspektivisch hat das deutsche Heer jedoch einen deutlich höheren Bedarf: Aktuelle Planungen gehen von bis zu 229 Einheiten aus, um die Schlagkraft der Truppe nachhaltig zu erhöhen.
Das Rückgrat der „Mittleren Kräfte“
Die Entscheidung für die RCH 155 ist eng mit der neuen Heeresstruktur verknüpft. Das System wird das primäre Waffensystem der sogenannten „Mittleren Kräfte“. Diese neue Kräftekategorie schließt die Lücke zwischen leicht bewaffneten Infanterieverbänden und der schweren Panzerartillerie auf Kettenbasis (wie der Panzerhaubitze 2000).
Das Ziel ist eine hohe Eigenverlegefähigkeit: Die RCH 155 basiert auf dem bewährten Fahrgestell des Radpanzers Boxer und kann auf der Straße Geschwindigkeiten von über 100 km/h erreichen. Damit sind die Verbände in der Lage, weite Strecken ohne Tieflader zurückzulegen und schnell an Brennpunkten der NATO-Ostflanke einsatzbereit zu sein.
RCH 155 – Weltweit einzigartig: Schießen aus der Fahrt
Was die RCH 155 von allen bisherigen Artilleriesystemen unterscheidet, ist die Fähigkeit zum sogenannten „Shoot & Scoot“ auf einem neuen Level. Während klassische Haubitzen für den Schuss anhalten und stabilisiert werden müssen, kann die RCH 155 den Feuerkampf während der Fahrt führen.
- Automatisierung: Der Turm ist unbemannt und vollautomatisch. Die Besatzung wurde auf nur zwei Personen (Kommandant und Fahrer) reduziert, die im geschützten Fahrmodul sitzen.
- Präzision und Schutz: Durch die Fähigkeit, sich unmittelbar nach dem Schuss (oder sogar währenddessen) zu bewegen, wird das Risiko durch gegnerisches Gegenfeuer oder Drohnenangriffe massiv minimiert.
- Reichweite: Mit dem bewährten 155-mm-Rohr (L52) und moderner Munition können Ziele in einer Entfernung von bis zu 54 Kilometern bekämpft werden.

Technische Daten & Highlights der RCH 155
| Merkmal | Details & Spezifikationen |
| Hauptbewaffnung | 155 mm / L52 Rohrwaffe (JBMoU-kompatibel) |
| Feuerrate / Kadenz | > 8 Schuss pro Minute |
| Kampfentfernung | Bis 54 km (V-LAP); bis 70 km (VULCANO); vorbereitet für Zukunftsmunition |
| Munitionsvorrat | 30 bezünderte Geschosse & 144 modulare Treibladungen |
| Automatisierung | Vollautomatisches Ladesystem für Geschosse & Treibladungen |
| Zünderprogrammierung | Automatisch induktiv während des Ladevorgangs |
| Sekundärbewaffnung | Optionale Fernbedienbare Waffenstation (RCWS) / Granatwerfer (MPL) |
| Feuerleitsystem | Integrierter Rechner mit Ballistikberechnung & Datenfunk-Anbindung |
| Mobilität (Motor) | Bis zu 600 kW / 815 PS |
| Geschwindigkeit | > 100 km/h (Straße) |
| Reichweite (Fahrzeug) | > 700 km |
| Gefechtsgewicht | < 40.000 kg (unter 40 Tonnen) |
| Abmessungen | 10,50 m Länge / 2,99 m Breite / 3,61 m Höhe |
| Besatzungsschutz | ABC-Schutz, Brandunterdrückung & hochgenaue Navigation (GPS-unabhängig) |
| Besonderheit | „Shoot & Scoot“: Schießen aus der Fahrt (360° Wirkbereich) |
Ausblick und internationale Kooperation
Während die ersten Serienfahrzeuge für die Bundeswehr ab 2027/2028 erwartet werden, fungiert die Ukraine bereits als Erstnutzer. Die ersten von insgesamt 54 bestellten Systemen wurden bereits an Kiew übergeben, wo sie unter realen Gefechtsbedingungen wertvolle Daten für die finale Optimierung der deutschen Serienproduktion liefern.
Parallel dazu treibt das Trinity House Agreement die deutsch-britische Zusammenarbeit voran. Auch Großbritannien hat sich für die RCH 155 entschieden, was die Interoperabilität innerhalb der NATO stärkt und die Produktionskosten durch höhere Stückzahlen langfristig senkt. Die Artillerieschule in Idar-Oberstein bereitet sich bereits intensiv darauf vor, das „Mutterhaus“ für diese neue Ära der mobilen Kriegsführung zu werden.
Bilder: KNDS