Das System IRIS-T SLM von Diehl Defence gilt als modernstes, kampferprobtes und modulares Flugabwehrraketensystem zur Abwehr von Angriffen aus der Luft. SLM steht dabei für Surface Launched Medium Range – das System ist eine bodengestützte Weiterentwicklung der bewährten IRIS-T-Lenkwaffe. Das IRIS-T SLM ist zudem zentraler Bestandteil der deutschen Luftverteidigungsinitiative, der European Sky Shield Initiative (ESSI), deren Ziel die Stärkung der Luftverteidigungsfähigkeiten innerhalb der NATO ist.
Überblick und Einordnung
IRIS-T SLM steht für Infra-Red Imaging System – Tail/Thrust Vector-Controlled mit dem Zusatz Surface-Launched Medium Range, da der Lenkflugkörper ursprünglich für den luftgestützten Einsatz durch Kampfflugzeuge entwickelt worden war. Das System wurde von Diehl Defence entwickelt, um auf die zunehmende Bedrohung durch unbemannte Luftfahrzeuge, Marschflugkörper und andere hochentwickelte Waffensysteme zu reagieren.
Es ermöglicht einen 360-Grad-Rundumschutz vom Nächstbereich bis auf mittlere Entfernungen (effektive Längenreichweite 40 Kilometer) und bekämpft feindliche Flugzeuge, Hubschrauber, Marschflugkörper und Lenkwaffen einschließlich ballistischer Kurzstreckenraketen. Dabei können mehrere Ziele gleichzeitig bekämpft werden. Das hochmobile, geländegängige und allwetterfähige Luftverteidigungssystem ist sowohl für die Raumverteidigung als auch für den Objektschutz (zum Beispiel Industrieanlagen, militärische Einrichtungen) ausgelegt.
Entwicklung und Geschichte
Das IRIS-T SLM leitet sich aus dem gleichnamigen Luft-Luft-Lenkflugkörper ab, der im Rahmen eines multinationalen Programms entstand. Die Entwicklung der bodengestützten Variante und ihre schrittweise Erprobung führten schließlich zu einem kampferprobten Gesamtsystem, das international großes Interesse auf sich zog.
Ursprung und Entwicklung des Grundsystems
Der Grundlenkflugkörper IRIS-T wurde Ende der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre im Rahmen eines deutschen Programms entwickelt, um einen kurzreichweitigen Infrarot-Lenkflugkörper als Ersatz für die AIM-9 Sidewinder bei einigen NATO-Mitgliedstaaten zu schaffen. Die Luft-Luft-Variante wurde 2005 eingeführt. Die bodengestützten Systeme der SL-Familie wurden aus diesem Luft-Luft-Lenkflugkörper weiterentwickelt.
Erprobung und Einführung
Testabschüsse aus einer Feuereinheit, bestehend aus einem CEA-CEAFAR-Radar, einem Diehl-IRIS-T-SL-Startgerät und einem Oerlikon-Skymaster-Gefechtsmanagementsystem, wurden 2014 durchgeführt. Die IRIS-T-SL-Qualifikationstests wurden im Januar 2015 auf dem Denel Overberg Test Range in Südafrika abgeschlossen. Ein weiterer Beschusstest des weiterentwickelten IRIS-T-SLM-Systems wurde im Januar 2022 erfolgreich abgeschlossen. Das IRIS-T SLM trat 2022 mit der Ukraine seinen Erstdienst an, später folgte Ägypten.
Beschaffung für die Bundeswehr
Im Juni 2023 bestellte die deutsche Luftwaffe sechs Feuereinheiten mit 216 Lenkflugkörpern für 950 Millionen Euro, mit einer Option auf zwei weitere Feuereinheiten. Der Auftrag wird aus dem Sondervermögen Bundeswehr finanziert. Die Flugabwehrraketengruppe 61 in Todendorf erhielt die erste IRIS-T-SLM-Feuereinheit in nationaler Konfiguration am 13. Februar 2026, nachdem die vorläufige Indienststellung (IOC) im September 2024 infolge ausstehender Zertifizierungsanforderungen für den Munitionskran verzögert worden war.
Technik und Systemaufbau
Das IRIS-T SLM ist modular aufgebaut und besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Fahrzeug- und Gerätekomponenten. Die folgende Übersicht beschreibt die wesentlichen technischen Merkmale des Systems sowie des Lenkflugkörpers.
Systemkomponenten
Kern des Luftverteidigungssystems bilden ein Radar, ein TOC (Tactical Operations Centre) und drei Startgeräte (bis zu acht Stück in einer Feuereinheit möglich). Komplettiert wird das System durch eine mobile Wartungs- und Instandsetzungskomponente sowie ein Transportfahrzeug, das das Nachladen der Startcontainer ermöglicht. Auf dem Startfahrzeug können bis zu acht Lenkflugkörper transportiert und abgefeuert werden.
Als Sensor können verschiedene Multifunktionsradare angebunden werden, beispielsweise das Radar TRML-4D von Hensoldt. Darüber hinaus ist das IRIS-T SLM mit einer Vielzahl elektrooptischer/infraroter Führungssysteme und AESA-Radaren kompatibel, darunter das Thales Ground Master 200 MM/C, das CEA CEAFAR und das Saab Giraffe 4A. Alle für den Einsatz des Lenkflugkörpers erforderlichen Funktionen sind unabhängig von den verwendeten Sensoren und Führungssystemen im Startgerät realisiert.
Lenkflugkörper
Die Lenkflugkörper sind eine Weiterentwicklung der bereits am Eurofighter verwendeten IRIS-T-Raketen. Ein zusätzlicher Raketenmotor sorgt für eine schnelle Beschleunigung nach dem Start und vergrößert die Reichweite um ein Mehrfaches gegenüber der Luft-Luft-Version. Er besitzt eine spitz zulaufende Nase mit einer abwerfbaren, luftwiderstandsmindernden Nasenkappe. Der Flugkörper nutzt ein GPS-gestütztes Trägheitsnavigationssystem mit Funk-Datenlink zur Kommandolenkung in der Anflugphase. Der störresistente Infrarotsuchkopf wird in der Endphase aktiviert. Im Vergleich zum IRIS-T wurde der Durchmesser des Raketenmotors um 25 mm auf 152 mm vergrößert. Durch die Schubvektorsteuerung erhält der Lenkflugkörper eine extrem hohe Manövrierfähigkeit, die ein Ausweichen oder Auskurven nahezu unmöglich macht.
Technische Daten
| Merkmal | Wert / Angabe |
| Hersteller | Diehl Defence |
| Typ | Bodengebundenes Flugabwehrraketensystem, mittlere Reichweite |
| Effektive Reichweite | 40 km |
| Maximale Bekämpfungshöhe | 20 km |
| Schutzsektorabdeckung | 360° |
| Lenkflugkörper | IRIS-T SL (Surface-Launched) |
| Raketenmotordurchmesser | 152 mm |
| Führung / Navigation | GPS-gestütztes Trägheitsnavigationssystem, Funk-Datenlink (Anflugphase), IR-Suchkopf (Endphase) |
| Lenkflugkörper pro Startfahrzeug | bis zu 8 |
| Startgeräte pro Standardfeuereinheit | 3 (bis zu 8 möglich) |
| Radar (Standardkonfiguration Bundeswehr) | TRML-4D (Hensoldt) |
| Besatzungsbedarf | 50–60 Soldaten pro System |
Quellen: bundeswehr.de, Wikipedia (en.wikipedia.org/wiki/IRIS-T_SL)
Varianten und Systemfamilie
Das IRIS-T SL (Infra Red Imaging System Tail/Thrust Vector Controlled Surface Launched) bezeichnet eine Familie von kurzreichweitigen bis mittelreichweitigen bodengestützten Flugabwehrraketensystemen. Innerhalb dieser Familie sind gegenwärtig zwei Hauptvarianten im Dienst, eine weitere befindet sich in der Entwicklung.
IRIS-T SLS (Surface Launched Short Range)
Das IRIS-T SLS besitzt eine Reichweite von 12 km und eine Bekämpfungshöhe von 8 km. Es verwendet denselben Lenkflugkörper wie die Luft-Luft-Variante. Die IRIS-T SLS, in Schweden als Robotsystem 98 (RBS 98) bekannt, trat nach einer Erprobungsphase 2020 in Dienst.
IRIS-T SLM (Surface Launched Medium Range)
Das IRIS-T SLM ist das Flugabwehrsystem, das den IRIS-T-SL-Lenkflugkörper verwendet. Mit einer Reichweite von bis zu 40 Kilometern und der Fähigkeit, Ziele in Höhen von bis zu 20 Kilometern zu bekämpfen, zählt es zu den fortschrittlichsten Luftverteidigungssystemen der Welt. Es stellt die für die Bundeswehr beschaffte Hauptvariante dar.
IRIS-T SLX (Surface Launched Extended Range) – in Entwicklung
Aktuell entwickelt der Hersteller Diehl Defence zudem noch die Variante IRIS-T SLX, mit der der Schutz gegen bedrohliche Ziele in bis zu 80 Kilometern Entfernung und bis zu 30 Kilometern Höhe erreicht werden soll. Diese Variante wird zudem einen kombinierten Radar- und Infrarotsuchkopf verwenden. Der neue Lenkflugkörper kann in die vorhandenen IRIS-T-SLM-Startgeräte integriert werden, sodass diese mit einer Mischung aus SL- und SLX-Lenkflugkörpern beladen werden können.
Nutzung bei der Bundeswehr und Einsatz
Das IRIS-T SLM ist seit 2024 bei der Luftwaffe eingeführt und wird schrittweise zur zentralen mittleren Säule der deutschen bodengebundenen Luftverteidigung ausgebaut. Es ergänzt das ältere System Patriot und fügt sich in die übergeordnete NATO-Luftverteidigungsarchitektur ein.
Stationierung und Truppenverband
Ab Spätsommer 2024 ist das Waffensystem IRIS-T SLM bei der Flugabwehrraketengruppe 61 beheimatet. Der genaue Stationierungsort befindet sich nahe der Ostsee in Todendorf. Die dort beheimatete Flugabwehrraketengruppe 61 wird damit ausgerüstet, deren Auftrag den Schutz von beweglichen Landstreitkräften sowie Objekten und Räumen vor Bedrohungen aus der Luft umfasst. Zukünftig wird das Fähigkeitsspektrum des Verbandes mit der Einführung von fünf hochmodernen IRIS-T-SLM-Waffensystemen um das mittlere Reichweitenspektrum erweitert. Die Umrüstung auf das neue Waffensystem soll Mitte 2027 abgeschlossen sein.
Indienststellung und Ausbildung
Die feierliche Indienststellung des Luftverteidigungssystems IRIS-T SLM in Todendorf fand im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz, Verteidigungsminister Boris Pistorius und dem Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, statt. Die Luftwaffe hat gemeinsam mit Diehl Defence ein Ausbildungszentrum für das neu einzuführende bodengebundene Flugabwehrsystem IRIS-T SLM vorgestellt, das auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Todendorf errichtet wurde. Die gemeinsame Ausbildung durch die Luftwaffe und die Firma Diehl gilt als die modernste in Europa. Diehl verantwortet dabei die technischen Ausbildungsanteile, während die Luftwaffe die taktischen Anteile übernimmt.
Unterstützung der Ukraine und internationale Nutzung
Bundeskanzler Scholz hatte die Ukraine bei der Beschaffung des IRIS-T SLM unterstützt. Inzwischen wurden Systeme an die Ukraine geliefert, die von den ukrainischen Streitkräften eingesetzt werden, um die Bevölkerung und kritische Infrastruktur vor russischen Luftangriffen zu schützen. Stand 2025 sind sechs Systeme in der Ukraine im Einsatz bestätigt, weitere zwölf sind zur Lieferung vorgesehen. Soldaten der Luftwaffe bildeten ukrainische Soldaten am Waffensystem IRIS-T SLM taktisch aus und griffen dabei auf ihre Erfahrungen mit ähnlichen bereits in der Bundeswehr eingeführten Systemen zurück.
Erprobung auf Überwasserschiffen der Marine
Die Initiative für die Integration des IRIS-T-SLM-Systems kam direkt von der Marine. Die bei der Operation EUNAVFOR Aspides gesammelten Erfahrungen mit dem Einsatz luftgestützter Seeraumüberwachung hatten zu der Idee geführt, eine effektive Flugabwehr auf Schiffen der Marine zu testen. Dort hatte die Fregatte „Hessen“ die Operation unterstützt, bei der es um den Schutz der Seewege im Roten Meer geht. Die enge Zusammenarbeit zwischen dem Verteidigungsministerium und dem BAAINBw machte es möglich, das Projekt IRIS-T SLM auf einer Fregatte in Rekordzeit umzusetzen: Nur acht Monate nach der Entscheidung stand der Vertrag mit dem Hersteller Diehl Defence. Alle drei Raketen wurden planmäßig abgefeuert. Frühestens 2027 soll ein Prototyp der Marineversion des IRIS-T-SLM-Systems fertiggestellt werden. Bei dieser Version entfällt unter anderem die Schwenkhydraulik, da die Startbehälter dauerhaft senkrecht stehen, wodurch Komplexität und Gewicht gesenkt werden.
European Sky Shield Initiative (ESSI)
Das IRIS-T SLM ist zentraler Bestandteil der von Deutschland angestoßenen Luftverteidigungsinitiative, der European Sky Shield Initiative (ESSI). Durch die gemeinsame Beschaffung mit europäischen Partnern sollen die Luftverteidigungsfähigkeiten des europäischen Pfeilers der NATO-Luftverteidigung gestärkt sowie weitere Synergieeffekte in der Interoperabilität, im gemeinsamen Einsatz und im Bereich der Ausbildung erzielt werden. Vertreter der Streitkräfte aus den 19 Ländern der European Sky Shield Initiative inspizierten das neue Ausbildungszentrum in Todendorf.
Produktion und Kapazitätsausbau
Infolge der gestiegenen Nachfrage durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine weitet Diehl Defence die Produktion von IRIS-T-Systemen und Lenkflugkörpern aus. Geplant ist die Herstellung von zehn Systemen im Jahr 2026 und eine Steigerung der Produktionskapazität auf 16 Einheiten bis 2028 mit einer Lenkflugkörperproduktion von 800 bis 1.000 Stück bis Ende 2025. Diehl hat 1,5 Milliarden Euro investiert, um die Fertigungsrate auf 2.000 Lenkflugkörper pro Jahr zu erhöhen.
Quellen
- Bundeswehr – Ausrüstung und Technik: Das Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM: https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/landsysteme-bundeswehr/lenkflugkoerper-iris-t-slm
- Bundeswehr – Schwert und Schild am Himmel – das IRIS-T SLM: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/zeitenwende-luftverteidigung-5833744
- Bundeswehr – IRIS-T: Bundeswehr stärkt Flugabwehr: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/sondervermoegen-luftwaffe/iris-t-flugabwehr
- Bundeswehr – Taktische Ausbildung ukrainischer Soldaten am Luftverteidigungssystem IRIS-T SLM: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/ausbildung-des-ukrainischen-personals-an-der-iris-t-slm-5589970
- Bundeswehr – Europäische Ausbildungseinrichtung für die Flugabwehr: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/ausbildungseinrichtung-fuer-flugabwehr-5678042
- Bundeswehr – Flugabwehrraketengruppe 61: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/organisation-/luftwaffentruppenkommando/flugabwehrraketengruppe-61
- Bundeswehr – IRIS-T überzeugt bei der Maritime Firing Exercise 2025: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/aktuelles/marine-test-iris-t-6033574
- Wikipedia (englisch) – IRIS-T SL: https://en.wikipedia.org/wiki/IRIS-T_SL
- Wikipedia (englisch) – IRIS-T: https://en.wikipedia.org/wiki/IRIS-T
- Wikipedia (deutsch) – Baden-Württemberg-Klasse: https://de.wikipedia.org/wiki/Baden-W%C3%BCrttemberg-Klasse