Die Bundeswehr hat einen weiteren Meilenstein bei der Einführung des neuen Waffensystems für die Mittleren Kräfte des Heeres erreicht: Bei einer Industrieausbildung in Bergen wurden die ersten Soldaten mit dem Schweren Waffenträger Infanterie vertraut gemacht. Geschult wurde an acht fabrikneuen Exemplaren des Radpanzers. Ausgebildet wurden dabei jene Soldatinnen und Soldaten, die als sogenannte Multiplikatoren künftig auch Kameradinnen und Kameraden auf dem Schweren Waffenträger ausbilden werden.
Rund zwei Monate hatten die Soldaten der Schweren Kompanie des Jägerbataillons 413 zuvor mit ihrem neuen Radpanzer verbracht, waren mit dem Vierachser stundenlang durchs Gelände gefahren und hatten die Abläufe im bemannten Turm wiederholt geübt. Den Abschluss der Ausbildungsphase bildete das Schießen mit scharfer Munition auf dem Truppenübungsplatz Bergen in Niedersachsen. Mit der 30-Millimeter-Maschinenkanone, die je nach Munition gegen Truppen, Stellungen, aber auch Gefechtsfahrzeuge wirken kann, und der ROSY-Nebelmittelwurfanlage, um dem Gegner die Sicht zu rauben und die eigene Position zu tarnen, blieb lediglich der MELLS-Raketenwerfer für die Panzerabwehr während der Schießübung noch im Turm verborgen.
„Der Schwere Waffenträger Infanterie leistet mit weitreichenden Waffen direkte taktische Feuerunterstützung für abgesessene Kräfte“, sagte Oberstleutnant Pascal H. vom Amt für Heeresentwicklung. „Ich bin zufrieden, dass wir mit den ersten acht Fahrzeugen die Ausbildung starten konnten“, so der Oberstleutnant weiter. „Jetzt kommt es darauf an, dass die Industrie zuverlässig weitere Fahrzeuge liefert, um die Truppe weiter zu befähigen und die Mittleren Kräfte der Bundeswehr weiter aufwachsen zu sehen.“
Im nächsten Schritt soll dem Turm des Radpanzers gründlich auf den Zahn gefühlt werden – mit Fragen wie: Wie stabil sind die Waffensysteme, wie wirkt sich das Verschießen großer Munitionsmengen aus, und erzielen die verschiedenen Munitionsarten die gewünschte Wirkung? Erst nach Abschluss der Tests könne eine verlässliche Aussage über den tatsächlichen Einsatzwert des Schweren Waffenträgers Infanterie getroffen werden.

Boxer-Plattform und weitere Systeme im Zulauf
Der Schwere Waffenträger Infanterie basiert auf der bewährten Boxer-Fahrzeugfamilie. Als Nachfolgesystem des Waffenträgers Wiesel vereint der neue Radpanzer gleich mehrere Fähigkeiten: taktische Feuerunterstützung, effektive Panzerabwehr sowie Munitionstransport – alles in einem hochmobilen System. In den nächsten Jahren sollen nach und nach insgesamt 123 Exemplare des Wiesel-Nachfolgers an die Bundeswehr ausgeliefert werden. 26 davon werden an das Jägerbataillon 413 gehen.
Hauptwaffensysteme der Mittleren Kräfte sind Radpanzer auf der Basis des bekannten GTK Boxer. Durch seinen modularen Aufbau kann er in verschiedenen Varianten für viele Aufgaben eingesetzt werden. Das System befinde sich bereits im Zulauf, die Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten habe bereits begonnen. Zudem werde das neue Artilleriebataillon 215 mit einer Radhaubitze ausgestattet, die ebenfalls auf der Boxer-Plattform basiere. Die Mittleren Kräfte testen derzeit auch den Einsatz von unbemannten Systemen – darunter nicht nur Aufklärungsdrohnen, sondern auch sogenannte Loitering Munition, also Einweg-Angriffsdrohnen.
Auftrag der Mittleren Kräfte: Schnell, beweglich, durchsetzungsstark
Um den Alliierten insbesondere im Baltikum bei einem russischen Angriff schnell mit einer schlagkräftigen Truppe zur Seite zu stehen, gibt es seit 2023 die Mittleren Kräfte der Bundeswehr – und Brigadegeneral Eggert führt mit der Panzerbrigade 21 den ersten Verband deutscher Streitkräfte, der konsequent auf Radpanzer setzt. Die Panzerbrigade 21 „Lipperland“ aus Augustdorf ist seit 2023 der erste Großverband des Heeres, der dafür umgebaut wird.
Die Mittleren Kräfte schließen die Lücke zwischen den bislang bekannten Leichten und den Schweren Kräften. Mit radbeweglichen, hochmobilen Verbänden sollen diese schnell und ohne lange Vorbereitungszeit im gesamten europäischen Operationsraum der NATO verlegbar sein. Sie fahren und kämpfen auf Rädern. Im Konfliktfall können sie als schnell verlegbarer und zugleich stärker durchsetzungs- und durchhaltefähiger „operativer Türkeil“ die notwendige Zeit zum Einsatz weiterer, vor allem Schwerer Kräfte, verschaffen und wirken damit dem Abschneiden von Bündnispartnern und eigenen Kräften im Operationsraum entgegen.
Es geht darum, den Gegner frühzeitig aufzuklären und dessen Hochwertziele aus der Distanz zu bekämpfen, ohne selbst in Reichweite des Gegners zu geraten. „Mittlere Kräfte sind als Multitool ein Gamechanger“, ist Brigadegeneral Eggert überzeugt. Sie seien eine effektive Kombination der Fähigkeiten der Leichten und Schweren Kräfte. Der Fuhrpark der Mittleren Kräfte soll in den nächsten Jahren um weitere radgebundene Systeme wie die Radhaubitze RCH-155 oder den Radmörser Patria Nemo ergänzt werden.


