Patria CAVS 6×6 ersetzt den TPz Fuchs

Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat den finnischen Rüstungskonzern Patria mit der Fertigung und Lieferung von 349 Radpanzern des Typs CAVS 6×6 in unterschiedlichen Varianten beauftragt. Der Gesamtwert des Auftrags liegt bei über einer Milliarde Euro. Wie Patria am 18. Dezember mitteilte, erfolgt die Bestellung auf Basis von zwei am Vortag geschlossenen Rahmenverträgen, die insgesamt die Beschaffung von bis zu 876 CAVS-Fahrzeugen im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro ermöglichen.

Nach Angaben des Herstellers sollen die Auslieferungen ab dem Jahr 2026 beginnen. Im Anschluss ist ein Technologietransfer an die deutschen Industriepartner Jungenthal Wehrtechnik (JWT) – eine Tochter der FFG Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH – sowie an die DSL Defence Service Logistics GmbH, eine Tochtergesellschaft des KNDS-Konzerns, vorgesehen. Mit beiden Unternehmen hatte Patria Anfang 2024 eine Vereinbarung zur industriellen Zusammenarbeit geschlossen. Die ersten vollständig in Deutschland produzierten Fahrzeuge sollen 2027 ausgeliefert werden; parallel dazu wird die vollständige lokale Fertigungskapazität aufgebaut, um einen möglichen weiteren Bedarf der Bundeswehr abdecken zu können.

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Die Bundeswehr plant, ihre zunehmend veraltete Fuchs-Flotte in den kommenden Jahren schrittweise durch neue Fahrzeuge im Rahmen des Projekts „Transportpanzer Neue Generation“ zu ersetzen.

Gut informierten Kreisen zufolge umfasst die Beschaffung aus den beiden am 18. Dezember geschlossenen Verträgen folgende Varianten des CAVS 6×6:

  • zehn Fahrzeuge in der Variante eines schwedischen Truppentransporters (APC), die kurzfristig gefertigt und bereits Anfang 2026 ausgeliefert werden sollen,
  • 170 Fahrzeuge für die Pioniergruppe mit einer Option auf weitere 54,
  • 48 Fahrzeuge in der Variante Panzeraufklärungsgruppe mit einer Option auf 14 zusätzliche Systeme,
  • 69 Fahrzeuge als schwere Mörserplattform mit dem 120-mm-Mörsersystem NEMO auf CAVS-Basis sowie einer Option auf weitere 61 Systeme,
  • 52 Fahrzeuge als Feuerleitfahrzeuge mit einer Option auf bis zu 398 zusätzliche Exemplare.

Die vergleichsweise hohen Optionszahlen bei den Feuerleitfahrzeugen lassen darauf schließen, dass diese nicht ausschließlich für die Mörsertruppe vorgesehen sind. Denkbar erscheint auch ein Einsatz zur Feuerleitung in der Rohr- und Raketenartillerie sowie als Transport- und Führungsfahrzeuge für Joint Fire Support and Coordination Teams der Jäger- und Artillerietruppe.

Transportpanzer CAVS 6×6

Der Patria 6×6 basiert auf einem dreiachsigen Radpanzer, der ursprünglich vom finnischen Hersteller Sisu entwickelt und als Patria XA bekannt wurde. Im Vergleich zu diesem Vorgängermodell verfügt der neue Patria 6×6 laut Hersteller über eine verbesserte Einzelradaufhängung, einen leistungsstärkeren Motor mit 294 kW sowie ein modernisiertes elektrisches System. Das Getriebe stammt nach Angaben Patrias vom deutschen Zulieferer ZF.

Das maximale Gefechtsgewicht des Fahrzeugs beträgt 24 Tonnen. Der ballistische Schutz entspricht STANAG 4569 Level 2, wobei optional auch ein höheres Schutzniveau bis Level 4 realisiert werden kann.

NEMO steht für „NEw MOrtar“ und bezeichnet einen rund 1,9 Tonnen schweren 120-mm-Turmmörser von Patria. Das System wurde erstmals 2006 vorgestellt und seither kontinuierlich weiterentwickelt. Anfang 2021 gab Patria die Qualifizierung des NEMO für die Fähigkeit „Fire-on-the-move“ – also das Feuern während der Bewegung – bekannt. Diese bislang einzigartige Fähigkeit im Bereich der Mörsersysteme erlaubt es den Einheiten, auch während des Feuerkampfes in Bewegung zu bleiben und so der gegnerischen Waffenwirkung auszuweichen.

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Die Auslegung als Turmmörser ist zwar technisch anspruchsvoll und mit höheren Beschaffungs- und Betriebskosten verbunden, bietet jedoch gegenüber klassischen Lukenmörsern deutliche Vorteile. So ist die Besatzung vollständig geschützt – sowohl gegen ballistische Bedrohungen als auch gegen ABC-Gefahren. Zudem kann das System im direkten Richten mit niedrigen Schusswinkeln eingesetzt werden, was sowohl defensive als auch offensive Einsatzoptionen eröffnet.

Ein einzelner NEMO-Mörser ist laut Hersteller in der Lage, bis zu sechs Geschosse zeitgleich ins Ziel zu bringen. Dieses Verfahren wird als Multiple Round Simultaneous Impact (MRSI) bezeichnet und bleibt Patrias Angaben zufolge auch beim Feuern in der Bewegung verfügbar.

Der Mörserturm verfügt über einen Rundumschwenkbereich von 360 Grad sowie eine Rohrerhöhung von −3 bis +85 Grad. Das drei Meter lange Rohr ermöglicht eine gegenüber klassischen 120-mm-Mörsern leicht erhöhte Reichweite.

Die Waffenanlage ist als Hinterlader mit halbautomatischem Ladesystem ausgelegt. Die Munition wird durch die Besatzung vorbereitet und auf eine Ladeschiene gelegt, anschließend übernimmt der Mechanismus den Ladevorgang automatisch. Je nach Fahrzeuggröße können mit NEMO ausgerüstete Plattformen zwischen 50 und 60 Patronen 120-mm-Mörsermunition mitführen. Für den Einsatz im NEMO wird die Munition mit einem sogenannten Stub Case versehen – einer von Patria entwickelten kurzen Hülse, die als Schnittstelle zwischen Munition und Waffenanlage dient. Nach Herstellerangaben kann nahezu jede marktgängige 120-mm-Mörsermunition nach entsprechender Bestückung verwendet werden. Die Hülsenstummel werden nach dem Schuss in einem Auffangbehälter am Fahrzeug gesammelt.

Das System wird üblicherweise von einer vierköpfigen Besatzung bedient, bestehend aus Fahrer, Kommandant (der zugleich als Richtschütze fungiert), Ladeschütze und Munitionsschütze. Ergänzt wird das Waffensystem durch ein modernes Feuerleitsystem.

CAVS-Programm

Das CAVS-Programm (Common Armoured Vehicle System) wurde ursprünglich als finnisch-lettische Initiative gestartet und hat sich inzwischen zu einem multinationalen Vorhaben unter Beteiligung Finnlands, Schwedens, Lettlands, Deutschlands, Dänemarks, Norwegens und des Vereinigten Königreichs entwickelt. Ziel ist die gemeinsame Entwicklung, Beschaffung und Instandhaltung von 6×6-Radpanzern. Das Programm ist offen für weitere Teilnehmer und soll künftig weiter ausgebaut werden.

Deutschland unterzeichnete am 14. Juni 2022 eine Absichtserklärung zum Beitritt zu dem von Finnland geführten CAVS-Programm, trat diesem jedoch formal erst im April 2023 bei. In der Folge wurde der Patria 6×6 einer Reifegradanalyse unterzogen, die das Fahrzeug erfolgreich absolvierte. Der Schwerpunkt lag dabei laut Verteidigungsministerium auf zulassungs- und fahrsicherheitsrelevanten Aspekten.

Insiderberichten zufolge führte politischer Druck dazu, dass zusätzlich auch der Fuchs Evolution von Rheinmetall sowie der Pandur Evolution von General Dynamics European Land Systems einer Reifegradanalyse unterzogen wurden, was Verzögerungen im Projekt verursachte. An der grundsätzlichen Beschaffungsabsicht zugunsten des Patria 6×6 änderte dies jedoch offenbar nichts.

Im Mai 2024 wurde der Beitritt Deutschlands zur Forschungs- und Entwicklungsvereinbarung des CAVS-Programms offiziell vollzogen. Laut einer Mitteilung des finnischen Verteidigungsministeriums vom 2. Mai 2024 erhält Deutschland damit Zugriff auf die Ergebnisse der Entwicklungsarbeiten und kann sich aktiv an der Weiterentwicklung des Fahrzeugs beteiligen.

Anfang 2025 folgte die Beschaffung erster Systeme aus dem CAVS-Programm, als die Bundeswehr Patria mit der Anpassentwicklung und der Lieferung von Qualifikationsmustern des NEMO-Mörsers auf CAVS-6×6-Plattform beauftragte.

Am 30. September 2025 wurde schließlich im Hauptquartier des finnischen Logistikkommandos ein multinationales Projektbüro für das Management des 6×6-Radpanzerprogramms eingerichtet, in dem auch deutsches Personal tätig sein wird. Aufgabe des Büros ist es, das Gesamtprogramm zu koordinieren und die Erreichung der gemeinsamen Ziele sicherzustellen.

Bild: Bundeswehr

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