Rückblick auf 13 Jahre ISAF Einsatz der Bundeswehr

„Und plötzlich befanden wir uns in einem Krieg“ – Rückblick auf 13 Jahre ISAF-Einsatz mit Beteiligung der Deutschen Bundeswehr

Die Terroranschläge am 11. September auf die Zwillingstürme in New York veränderten die Welt. Erstmalig in ihrer Geschichte, setzte die NATO die Washingtoner Verträge in Kraft und. Der kollektive Verteidigungsfall trat ein, worauf ISAF-Truppen unter NATO-Führung nach Afghanistan entsandt wurden, um sich an Sicherheits- und Wiederaufbaumissionen zu beteiligen. 2002 beteiligte sich auch die deutsche Bundeswehr am ISAF-Einsatz. Anfangs leisteten die deutschen Soldaten humanitäre Hilfen wie beispielsweise der Bau von Brunnen und Schulen, doch schon kurz nach Beginn der ISAF-Mission wurden die deutschen Soldaten zunehmend in kriegerische Handlungen verwickelt, womit für die Deutsche Bundeswehr, ihr größter und längster Auslandseinsatz seit ihrem Bestehen begann.

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Dingo und GTK Boxer (vorderes Fahrzeug) im Einsatz am Observation Point North (OP North), ein Lager der deutschen ISAF-Truppen. Bild: Bundeswehr/Krumbach

 

Die Rolle der Bundeswehr beim ISAF-Einsatz in Afghanistan

2002 treffen die ersten Bundeswehrsoldaten in der afghanischen Hauptstadt Kundus ein und übernehmen 2003 von den Amerikanern das regionale Aufbauteam. 2004 werden in Faisabad und Talokan weitere Bundeswehrstandorte eröffnet. 2006 kommt das Feldlager in Masar-i-Scharif dazu und im gleichen Jahr übernimmt die Bundeswehr das Kommando über die Kräfte im Norden Afghanistans, womit sie auch die Führungsverantwortung für zahlreiche andere Nationen übernimmt. 2006 zählt der Norden Afghanistans noch zu den sichersten Regionen in Afghanistan. Die deutschen Soldaten patrouillieren zu Fuß und in offenen Fahrzeugen. Sie präsentieren sich als Helfer in Uniform. Doch schon bald sollte sich die Sicherheitslage verschärfen.

Ein Anschlag, der alles verändert

Am 19. Mai 2007 wurden bei einem Selbstmordattentat auf einen belebten Marktplatz in Kundus drei deutsche Soldaten getötet und fünf verwundet. Ebenso wurden sieben afghanischen Zivilisten getötet und 13 Zivilisten verletzt. Auch im Norden Afghanistans wird die Lage jetzt zunehmend gefährlicher. Regelmäßig werden die deutschen Soldaten in Gefechte mit aufständischen verwickelt und es kommt erneut zu Anschlägen mit Sprengsätzen. Den Soldaten wird klar, dass es sich längst nicht mehr um einen humanitären Einsatz handelt, sondern dass Sie sich im Krieg befinden. Die Bundeswehr ist genötigt zu reagieren und muss sich auf die veränderte Sicherheitslage einstellen. Die deutschen Soldaten wurden fortan besser auf ihre Einsätze vorbereitet, sodass jeder Soldat, der nach Afghanistan kam, sich im Klaren war, dass er unter Umständen in Feuergefechte verwickelt werden könnte. Auch die Ausrüstung wurde angepasst. Statt offener Fahrzeuge kamen nun gepanzerte Fahrzeuge wie beispielsweise der Dingo und der Igel zum Einsatz.

GI Wieker besucht das deutsche Einsatzkontingent ISAF

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker besucht das deutsche Einsatzkontingent ISAF. Am Abend findet eine zentrale Trauerfeier für die gefallenen Soldaten teil. Im Bild: Ansprache vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker am Ehrenhain in Mazar i-Sharif. Bild: Bundeswehr/Bienert

 

In der deutschen Öffentlichkeit kommt die Realität nicht an

Worte wie „Gefallene“ und „Krieg“ wurden hierzulande kaum in den Mund genommen. Die deutschen Soldaten in Afghanistan fühlten sich zunehmend unverstanden und hatten das Gefühl, dass in der Heimat nicht wahrgenommen wird, was sie in Afghanistan leisten und welchen Gefahren sie ausgesetzt sind. Denn für die Soldaten war jeder Einsatz eine enorme Belastung, weil sie nie wissen konnten, wann und wo ein Anschlag stattfinden wird. Zudem wurde die Rückendeckung seitens der Politik vermisst. Es wurde immer noch von einem humanitären Einsatz gesprochen, obwohl in Afghanistan längst kriegsähnliche Zustände herrschten.

Die ISAF-Einsätze hinterlassen ihre Spuren

Trotz aller sorgfältigen Vorbereitung gehen die Einsätze nicht spurlos an den deutschen Soldaten vorüber. Besonders schwer wird es für die Soldaten, wenn gefallene Kameraden zu beklagen sind. Insgesamt ließen bei dem ISAF-Einsatz 55 deutsche Soldaten ihr Leben. Viele Soldaten haben nach dem Einsatz mit psychischen Folgen zu kämpfen. Etliche leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und benötigen professionelle Hilfe und Betreuung, um die Erlebnisse in Afghanistan verarbeiten zu können.

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Besprechung während einer Rast am Rande einer Verbindungsstraße im Süden von Kunduz. Bild: Bundeswehr/PIZ Kunduz

 

Die Bilanz von 13 Jahren ISAF-Einsatz

Der ISAF-Einsatz am Hindukusch hat die deutsche Bundeswehr und ihre Soldaten verändert. Die Bundeswehr ist zu einer kampferprobten Einsatzarmee geworden, die einsatzorientiert und hoch professionell agieren kann. Zudem hat die Bundeswehr Führungsverantwortung gelernt und gezeigt und befindet sich nun auf Augenhöhe mit allen weiteren NATO-Partnern. Der ISAF-Einsatz in Afghanistan ist nun beendet. Die Nachfolgemission heißt Resulut Support. Auch die Bundeswehr ist beteiligt. Sie hat die Aufgabe, afghanische Sicherheitskräfte zu unterstützen und zu beraten. Schrittweise wird die Verantwortung wieder an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Für Afghanistan hat sich der ISAF-Einsatz gelohnt. Zwar ist es nicht gelungen eine funktionierende Demokratie in unserem Sinne einzuführen, aber Afghanistan ist zu einem relativ stabilen Staat geworden, der die Chancen hat, sich weiterzuentwickeln. Dank der ISAF, speziell der deutschen Bundeswehr, können heute in Afghanistan Mädchen zur Schule gehen, was zur Zeit der Taliban undenkbar gewesen wäre und die Wirtschaftskraft Afghanistans konnte sich während des ISAF-Einsatzes versechsfachen. Das Leben für die afghanische Bevölkerung hat sich erheblich verbessert und ist in Teilen des Landes wesentlich sicherer geworden.

Aktion „Unvergessen“

Der Radiosender der Bundeswehr „Radio Andernach“ hat zum Ende des ISAF Einsatzes ein Spendenprojekt gestartet, das versehrte Soldatinnen und Soldaten und auch die Familien gefallener Soldaten unterstützen soll. Mit der Aktion „Unvergessen“ sollen diese Menschen unbürokratisch unterstützt werden.

Titelbild: Zum fünften Mal seit ihrem Amtsantritt besucht Kanzlerin Angela Merkel am Freitag, den 10. Mai 2013 in Begleitung des Verteidigungsministers Thomas de Mazière, die deutschen ISAF-Soldaten in Afghanistan. Im Bild: Die Bundeskanzlerin begrüßt Soldaten der Patrouille D04 der Schutzkompanie. Bild: Bundeswehr

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