Schnöggersburg – Die „Geisterstadt“ der Bundeswehr

In Sachsen-Anhalt sind seit 2012 Bauunternehmen damit beschäftigt, das Städtchen Schnöggersburg aus dem Boden zu stampfen. Es wird aber auch nach der Fertigstellung die Einwohnerzahl 0 aufweisen, da die Bundeswehr hier einen neuen Ansatz für Truppenübungsplätze ausprobiert. So werden in Schnöggersburg zukünftig simulierte Manöver in Ballungsräumen stattfinden.

Soldaten bei einer der ersten Übungen in Schnöggersburg. Bild: Bundeswehr / Mario Bähr

Gefechtsübungszentrum Schnöggersburg – Die geplante Geisterstadt

Verteidigunsministerin Ursula von der Leyen (59) hatte 6 Monate nach ihrem Dienstantritt die Ausrüstung und grundsätzliche Strategie der deutschen Streitkräfte deutlich kritisiert. Ihre Wutrede mag in vielen Aspekten ins Schwarze getroffen und einige Änderungen bewirkt haben, sparte ein Thema aber bewusst aus: Die Frage, ob die Bundeswehr ausreichend moderne Übungsmethoden entwickelt hat. Schließlich waren die Bauarbeiten auf dem Truppenübungsplatz Altmark bereits unter ihrem Vorgänger Thomas de Maizere (64) gestartet, wo bis 2021 quasi ein vollständiges Dorf mit Straßen, Kanalisation, U-Bahn, Industrieanlagen und insgesamt 520 Gebäuden entstehen wird.

Der einzige Unterschied zu gewöhnlichen Bauprojekten wird sein, dass nur etwa 25 der Gebäude ihrem klassischen Nutzen zugeführt werden. Die restlichen Objekte werden Rohbauten bleiben und dienen lediglich als Hindernisse bzw. Ziele für zukünftige Übungsszenarien. Nach dem Abschluss der Bauarbeiten wird der sechs Quadratkilometer große „urbane Ballungsraum Schnöggersburg“ das Herzstück des Gefechtsübungszentrums darstellen, das dank einer funktionstüchtigen Landebahn inklusive Tower sogar für Landungen großer Transportmaschinen wie der C-160 Transall und der C-130 Herkules ausgelegt wurde. Oberst Uwe Becker, der Leiter des Gefechtsübungszentrums, verspricht sich von dem Neubau „eine erhebliche qualitative Steigerung unserer Einsatzvorbereitung und die zeitgemäße Ausbildung der Truppe an unterschiedlichsten Waffensystemen.“

Mammutprojekt mit einem Investitionsvolumen von 140 Mio. Euro

Die Anlage wurde vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw) in Zusammenarbeit mit der Landesbauverwaltung Sachsen-Anhalt geplant, welche, nach dem Abschluss der öffentlichen Ausschreibung, dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall den Zuschlag für die Bautätigkeiten bestätigten. Zu Beginn war die Gesamtsumme auf 100 Mio. Euro taxiert worden und wurde schließlich im August 2016 um 40 Mio. aufgestockt, was weniger auf Fehlplanungen als eher auf angestiegene Konjunkturdaten und die damit einhergehenden erhöhten Materialkosten zurückzuführen ist.

Ab 2021 wird Schnöggersburg als modernster Truppenübungsplatz der Bundeswehr fungieren, auf dem gleichzeitig bis zu 1500 Soldaten des Heeres ihre Fähigkeiten im Stadt- und Häuserkampf ausgiebig erproben können. Zu diesem Zweck wird das Städtchen mit einem lasergestützen Simulationssystem und zahlreichen HD-Kameras ausgestattet, wodurch sich die Kampfhandlungen im Lagezentrum analysieren und gegebenenfalls anpassen lassen. Sollte Rheinmetall den Fertigstellungstermin einhalten, wovon zurzeit auszugehen ist, wird das Übungszentrum ab 2021 vollständig genutzt werden können, Teile der Anlage wurden dem Heer aber bereits am 26. Oktober 2017 übereignet.

Kampfpanzer in deutscher Kleinstadt eingesetzt: Anwohner bleiben ruhig

Zur Einweihung Schnöggenburgs waren zahlreiche Journalisten und militärische Würdenträger eingeladen, um eine Jäger- und Panzergrenadierkompanie bei der Einnahme einer deutschen Kleinstadt zu beobachten. Die Fußsoldaten erhielten dabei tatkräftige Unterstützung von mehren Kampfpanzern des Typs Leopard 2. Nach dem Abschluss der Demonstration zeigte sich Oberst Becker sehr zufrieden mit den hinzugewonnen Möglichkeiten, welche „bislang separat existierende Übungseinrichtungen an einem Ort zusammenführt, wodurch wir die Schlagkraft der Truppe nun effektiv erhöhen können. Dabei fällt der in Schnöggersburg verbauten Simulationstechnik die Schlüsselrolle zu. Schließlich haben wir die nicht extra entwickelt, vielmehr zählt sie international zur Standardausrüstung bei Übungsszenarien. So wurde eine elementare Lücke im Training der Truppe nun wirkungsvoll geschlossen.“ Und offenbar wollte Becker sich nicht nachsagen lassen, dass er seine Worte leichtfertig dahingesagt habe. So fanden seit jenem Tage im Oktober sechs weitere, allerdings kleinere, Übungen statt. Das nächste Großereignis ist für Januar 2019 angesetzt: Im Gefechtsübungszentrum sollen dann über 1000 Gebirgsjäger und Panzergrenadiere die Innenstadt Schnöggersburgs unsicher machen.

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