Der Kampfhubschrauber Tiger ist ein zweisitziger Helikopter, der von zwei leistungsstarken Triebwerken angetrieben wird und dem Heer eine hochmobile, schnell einsetzbare, schlagkräftige und multifunktionale fliegende Plattform bietet. Als vierblättriger Zweimotoren-Kampfhubschrauber trat er 2003 erstmals in den Dienst; hergestellt wird er von Airbus Helicopters, die aus dem Zusammenschluss der Hubschraubersparten von Aérospatiale und DASA hervorgegangen ist.
Entwicklung und Geschichte
Die Entwicklung des Tigers begann während des Kalten Krieges; ursprünglich war er als Panzerabwehrhubschrauber konzipiert, der gegen eine sowjetische Bodeninvasion Westeuropas eingesetzt werden sollte. Während der langen Entwicklungsphase brach die Sowjetunion jedoch zusammen, was die europäische Sicherheitslage grundlegend veränderte. Deutschland drängte daraufhin auf ein erweitertes Aufgabenspektrum: Neben der Panzerbekämpfung sollte der Tiger auch bewaffnete Gefechtsfeldaufklärung, Nahunterstützung von Bodentruppen und die Begleitung anderer Hubschrauber übernehmen.
Trotz früher Entwicklungsprobleme und politischer Unsicherheiten zwischen 1984 und 1986 wurde das Programm im November 1987 formell neu gestartet, wobei der Schwerpunkt auf den Panzerabwehrfähigkeiten des Angriffshubschraubers verstärkt wurde. Im Mai 1989 wurde ein gemeinsames deutsch-französisches Hubschrauberbüro als Programmsteuerungsbehörde eingerichtet. Am 18. Juni 1999 bestellten Deutschland und Frankreich öffentlich eine erste Serie von 160 Tiger-Hubschraubern – je 80 pro Nation – im Wert von 3,3 Milliarden Euro.
Die Serienproduktion des Tigers bei der Firma Eurocopter in Donauwörth begann im März 2002; mit der Auslieferung des ersten deutschen Tigers an das Bundesamt für Wehrtechnik wurde Ende 2003 begonnen. Die erste offizielle Auslieferung an die französische Armee erfolgte am 18. März 2005, die erste offizielle Lieferung an Deutschland am 6. April 2005. Am 25. Juli 2018 nahm das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) bei Airbus Helicopters Deutschland GmbH in Donauwörth den letzten von insgesamt 68 Unterstützungshubschraubern des Typs Tiger für die Bundeswehr ab.
Technik
Der Kampfhubschrauber Tiger verfügt über ein technisch einzigartiges Flugwerk. Kein anderes Waffensystem der Welt kann gerade im Tiefflug mithalten: Der Tiger kombiniert massive Feuerkraft mit Präzision und Agilität und hat die Fähigkeit, schnell und geländeunabhängig hunderte Kilometer zu überwinden. Die nachfolgende Tabelle enthält die wichtigsten technischen Kenndaten.
| Besatzung | 2 Mann (Pilot und Schütze) |
| Antrieb | 2 × MTR 390 (MTU / Rolls-Royce / Turbomeca) |
| Höchstgeschwindigkeit | 290 km/h (ohne Bewaffnung und Mastvisier: 315 km/h) |
| Rumpflänge | 14,08 m |
| Höhe | 3,83 m (mit Mast: 5,20 m) |
| Einsatzreichweite | bis 725 km |
| Einsatzdauer | bis 3,1 Stunden |
Varianten
Der Tiger wurde für verschiedene Nutzernationen in unterschiedlichen Konfigurationen entwickelt. Die Varianten unterscheiden sich vor allem in Bewaffnung, Sensorik und Aufgabenschwerpunkten.
UHT / KHT (Deutschland)
Der KHT (Kampfhubschrauber Tiger) ist ein mittelschwerer Mehrzweck-Feuerkampfhubschrauber für die Bundeswehr. Bis Oktober 2013 lautete seine Bezeichnung UHT (Unterstützungshubschrauber Tiger). Anders als die französische HAP/HCP-Version verfügt er über keinen integrierten Kanonentower, kann aber bei Bedarf mit einem 12,7-mm-Waffenbehälter ausgerüstet werden.
HAP / HAD (Frankreich)
Im September 2003 wählte Spanien eine Variante des französischen Tiger HAP (Hélicoptère d’Appui Protection) – den Tiger HAD – für seine Armee. Auch die französische Heeresluftfahrt entschied sich, den Großteil ihrer HAP-Hubschrauber auf die HAD-Variante aufzurüsten. Im Dezember 2004 bestellte Spanien 24 und Frankreich 40 Hubschrauber der HAD-Variante.
ARH (Australien)
Der Tiger ARH (Armed Reconnaissance Helicopter) ist die Version, die die australische Armee bestellt hat, um ihre OH-58 Kiowas und UH-1 Iroquois-basierten Kampfhubschrauber zu ersetzen. Es handelt sich um eine modifizierte und aufgerüstete Version des Tiger HAP mit verbesserten MTR390-Triebwerken sowie einem Laserdesignator im Strix-Zielsystem für den Einsatz von Hellfire-II-Luft-Boden-Raketen. 22 Exemplare wurden im Dezember 2001 bestellt; der Großteil der Hubschrauber wurde vom 1st Aviation Regiment mit Standort Robertson Barracks in Darwin betrieben.
Bewaffnung
Der Tiger verfügt über insgesamt vier Waffenstationen – je zwei pro Seite – an denen verschiedene Kombinationen von Waffen befestigt werden können. Die Waffenausstattung ist flexibel und wird für jeden Einsatz speziell zusammengestellt.
Panzerabwehrflugkörper
Mit jeweils vier PARS 3 LR (Panzerabwehr Raketensystem der dritten Generation mit langer Reichweite) an den inneren Aufhängungen kann der Kampfhubschrauber Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge in bis zu sieben Kilometer Entfernung zerstören. Der infrarotgesteuerte Panzerabwehrlenkflugkörper steuert das Ziel selbstständig an (Fire-and-Forget), sodass der Tiger nach dem Abfeuern sofort wieder in Deckung fliegen kann. Die Vorgängerwaffe des PARS 3, die HOT 3, kann ebenfalls genutzt werden.
Ungelenkte Raketen
Zwei Startbehälter mit jeweils bis zu 19 ungelenkten 70-Millimeter-Raketen können an den inneren oder äußeren Aufhängungen befestigt werden. Mit diesen Raketen mit hochexplosivem Sprengkopf können weiche Ziele und leicht gepanzerte Fahrzeuge in bis zu sechs Kilometern Entfernung bekämpft werden.
Luft-Luft-Raketen
An den äußeren Waffenstationen des Tigers können jeweils zwei Luft-Luft-Raketen Stinger zur Bekämpfung gegnerischer Flugzeuge oder Hubschrauber befestigt werden. Der infrarotgesteuerte Lenkflugkörper steuert nach dem Abschuss das Ziel in bis zu sechs Kilometern Entfernung selbstständig an und funktioniert ebenfalls nach dem Prinzip Fire-and-Forget.
Schwere Maschinengewehre
Das schwere Maschinengewehr ist in einem Waffenbehälter (HMP 400 – Heavy Machinegun Pod) mit 400 Schuss Munition verbaut. Der Tiger kann mit maximal zwei HMP 400 an den jeweils inneren Stummelflügeln bewaffnet werden.
Weitere Ausrüstung
Zusätzlich zur Bewaffnung verfügt der Tiger über ein umfangreiches Elektronik- und Sensorpaket für den Allwetter- und Nachtbetrieb.
- Mil Bus 1553 B und dezentrale Rechner
- AFCS, Doppler-, Kommunikations-, ECM-, Bedien-, Überwachungs- und Displaysystem
- EUROMEP: Wärmebild, Helmdisplay, Mastvisier
- Visionik mit Restlichtverstärkung
- 4 Mehrzweckbildschirme
Nutzung bei der Bundeswehr
Der Tiger kann alle Arten von luftbeweglichen Operationen im gesamten Aufgabenspektrum der Streitkräfte gewährleisten, einschließlich der Umsetzung spezieller Operationen und der Unterstützung von Spezialkräften. Der UHT Tiger ist ein multinationales Rüstungsprojekt der Nationen Frankreich, Spanien und Deutschland und dient nicht nur der Bekämpfung von Kampfpanzern, sondern stellt auch die Unterstützung von luftbeweglichen Operationen und Bodentruppen, den Begleitschutz, den Konvoischutz, die bewaffnete Aufklärung sowie die Bekämpfung von Hochwertzielen sicher.
Truppengliederung und Stationierung
Das Kampfhubschrauberregiment 36 „Kurhessen“ ist ein fliegender Kampfverband des Heeres und gehört zur Division Schnelle Kräfte; es umfasst rund 1.200 Dienstposten. Nur in Fritzlar sind die Tiger-Kampfhubschrauber der Bundeswehr stationiert. Das Kampfhubschrauberregiment 36 „Kurhessen“ hat den Auftrag, alle am Gefecht beteiligten Streitkräfte und Spezialisierten Kräfte im Verbund, national und multinational, aus der Luft im Kampf zu unterstützen; das Hauptwaffensystem des Regiments ist der Kampfhubschrauber Tiger, der feindliche Luft- und Bodenziele auch bei Dunkelheit und schlechter Witterung bekämpft.
Auslandseinsätze
Die Soldatinnen und Soldaten aus Fritzlar waren mit ihren Tigern bereits in Afghanistan und in Mali im Einsatz. Von 2017 bis 2018 unterstützte das Regiment mit vier Tiger-Hubschraubern die UNO-Mission MINUSMA zur Stabilisierung von Nord-Mali. Am 26. Juli 2017 stürzte ein Tiger bei einem Einsatzflug im Norden Malis ab; beide Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Der Absturz wurde durch einen Mechanikerfehler der Firma Airbus Helicopters verursacht. Laut Abschlussbericht war die allein unmittelbare und direkte Ursache des Flugunfalls eine fehlerhafte Einstellung der Flugsteuerung durch die betreuende Industrie.
Übungen und Landes- und Bündnisverteidigung
Bei der NATO-Übung Griffin Lightning 2025 trainierten die Besatzungen auch im scharfen Schuss; in Litauen zeigte der Tiger dabei seine Bedeutung für die Landes- und Bündnisverteidigung. Für deutsche Hubschrauberkräfte war Griffin Lightning 2025 das größte Manöver außerhalb der Bundesrepublik seit Jahrzehnten; die deutsche Aviation Brigade NFM 2025–2027 trainierte dabei mit multinationalen Kräften. Im Gefecht wirken meist mindestens zwei Kampfhubschrauber Tiger zusammen.
Bild: Bundeswehr/Rott
Nachfolge
Im Mai 2023 entschied sich die Bundeswehr, den Eurocopter Tiger nicht mehr weiter zu modernisieren, sondern die Tiger durch weitere H145M für die Heeresfliegertruppen zu ersetzen. Die endgültige Entscheidung für den H145M fiel im Dezember 2023; insgesamt wurden 62 H145M fest bei Airbus bestellt, wobei die Auslieferung des ersten Exemplars im November 2024 stattfand und die restlichen 61 bis Ende 2028 folgen sollen. Der Leichte Kampfhubschrauber (LKH), der ab 2026 sukzessive bei der Bundeswehr eingeführt wird, ist als Brückenlösung zu verstehen.
Quellen (9)
- bundeswehr.de – Ausrüstung und Technik: Der Kampfhubschrauber Tiger
- bundeswehr.de – BAAINBw nimmt letzten Kampfhubschrauber Tiger ab
- bundeswehr.de – Kampfhubschrauber Tiger bei der Übung Griffin Lightning
- bundeswehr.de – Kampfhubschrauber Tiger unterstützen aus der Luft bei Grand Quadriga
- bundeswehr.de – Kampfhubschrauberregiment 36 der Division Schnelle Kräfte
- bundeswehr.de – Minister Pistorius besucht das Kampfhubschrauberregiment 36
- bundeswehr.de – Bericht liegt vor: Absturz des Kampfhubschraubers Tiger in Mali
- Wikipedia (en) – Eurocopter Tiger
- Wikipedia (de) – Kampfhubschrauberregiment 36
